
Ohlendorf
Der Kriegerverein

Bilder:
Sammlung Karl-Werner Vick
Archiv SK-Ohlendorf
Kriegervereine haben ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert und spielten insbesondere zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle in Deutschland. Ursprünglich entstanden sie als Zusammenschlüsse von Kriegsveteranen, die an militärischen Konflikten teilgenommen hatten, wie z.B. an den Einigungskriegen (Deutsch-Dänischer Krieg 1864, Deutscher Krieg 1866, sowie Deutsch-Französischer Krieg 1870/71).
Diese Vereine hatten mehrere Funktionen:
-
Sie dienten der Kameradschaftspflege unter ehemaligen Soldaten.
-
Sie erinnerten an gefallene Kameraden durch Denkmäler, Gedenkfeiern und Ehrenveranstaltungen.
-
Sie vertraten die Interessen der Veteranen, etwa durch Unterstützung bei sozialer Absicherung der Hinterbliebenen.
-
Sie förderten einen ausgeprägten Patriotismus und waren oft eng mit monarchistischen und nationalistischen Strömungen verbunden.
Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 erlebten die Kriegervereine eine starken Aufschwung. Kriegervereine wurden von staatlicher Seite gefördert, da sie zur Stärkung des nationalen Zusammenhalts und der militärischen Tradition beitrugen.
Auch in Ohlendorf gab es um 1900 verstärkte Bestrebungen, einen Kriegerverein zu gründen. Dieser sollte ausschließlich Männern offenstehen, die eine aktive Militärzeit absolviert oder an Feldzügen teilgenommen hatten.
Einige der späteren Mitglieder hatten bereits 1866 in der Schlacht bei Langensalza gekämpft. Die Niederlage bei Langensalza führte zur späteren Annexion des Königreiches von Hannover durch Preußen. Andere Mitglieder hatten am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 teilgenommen.
Einige Ohlendorfer waren bereits 1898 an der Gründung des Kriegervereins Ramelsloh-Ohlendorf beteiligt. Doch das königliche Landratsamt in Winsen (Luhe) verweigerte die Genehmigung der Satzung, da es der Meinung war, dass sich politische Gruppen im Verein befanden und es dem Verein an ausreichendem Patriotismus mangelte.
Daraufhin griff der Landrat persönlich ein und forderte den Vorstand auf, sechs bestimmte Mitglieder auszuschließen. Um die Genehmigung zu erhalten, wurden diese sechs Personen aus dem Verein gedrängt. Da sich unter den Ausgeschlossenen jedoch auch der erste Vorsitzende befand, solidarisierten sich die Ohlendorfer Mitglieder und traten geschlossen aus dem Verein aus.
In der Folge gründeten sie ihren eigenen Ohlendorfer Kriegerverein und forderten die Hälfte des bisherigen Vereinsvermögens. Die Ramelsloher lehnten diese Forderung ab, sodass die Ohlendorfer Ansprüche letztlich im Ramelsloher Vereinsvermögen verblieben.
Am 15. Oktober 1900 trafen sich 27 Männer und gründeten in Maacks Gasthaus den "Kriegerverein Ohlendorf und Umgegend".
Ein Auszug aus dem Protokoll:
"Kameraden aus Ohlendorf, welche bislang dem Kriegerverein Ramelsloh-Ohlendorf angehörten, haben den Austritt aus demselben erklärt, weil anscheinend der Verein in seiner Zusammensetzung das wohlwollen der hohen Behörde nicht gefunden hat. Die Kameraden aus Ohlendorf haben nun beschlossen einen neuen Verein zu gründen unter der Bezeichnung "Kriegerverein Ohlendorf und Umgegend".
Folgende Feste wurden bis zum 1. Weltkrieg 1914 jedes Jahr gefeiert:
-
27. Januar - Geburtstag seiner Majästät Kaiser Wilhelm II
-
07:00 Reveille (militärischer Weckruf)
-
15:00 Antreten beim Vereinslokal
-
16:00 Festball
-
-
1. September - Sedanfeier (Schlacht im dt.-franz Krieg 1871)
-
14:30 Versammlung der Kameraden
-
15:00 Rundmarsch durchs Dorf
-
16:00 Festball
-
Am 08.Mai 1910 wurde die Fahnenweihe und das 10-jährige Stiftungsfest gefeiert.
Dazu die Chronik:
"Ein Ereignis welches unser Heimatdorf bisher noch nicht erlebt hatte. Sämtliche Kriegervereine aus dem Kreis Winsen waren vertreten. Die entfernt liegenden Vereine mit kleineren Abordnungen und die Nachbarsvereine Ramelsloh, Maschen, Stelle, Ashausen, Winsen, Scharmbeck, Pattensen, Tangendorf, Brackel und Marxen waren mannstark vertreten. Ein Menschenhaufen auf den Straßen des Dorfes, wie auf einem städtischen Jahrmarkt."
Im Jahr 1912 wurde ein neuer Schießstand errichtet, der am 18. August mit einem großen Sommerfest feierlich eingeweiht wurde. Neben dem Schießstand wurde ein großes Tanzzelt aufgebaut, und das Fest war ein voller Erfolg. Aufgrund der positiven Resonanz wurde die Veranstaltung im Jahr 1913 erneut durchgeführt.
Doch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 kam das Vereinsleben abrupt zum Stillstand. Die jüngeren Mitglieder wurden in die Armee eingezogen, und nach und nach erlahmten alle Aktivitäten des Kriegervereins.
Wie wenig aufgeklärt und realitätsfern viele junge Menschen damals über die tatsächlichen Geschehnisse des Krieges waren, zeigt ein Foto aus dem Jahr 1917. Es zeigt vermutlich junge Ohlendorfer nach ihrer Musterung mit einem Schild, auf dem stolz zu lesen ist: „1917 – bald werden wir sie dreschen.“
Woher hätten sie es auch besser wissen sollen? Es gab weder Radio noch Fernsehen, und die Pressefreiheit war im Deutschen Reich während des Krieges aufgehoben. Die gesamte Berichterstattung unterlag der strengen Kontrolle des Militärs, das gezielt Propaganda verbreitete und die Bevölkerung in Unwissenheit über die tatsächliche Lage an der Front ließ.
Insgesamt musste Ohlendorf im Ersten Weltkrieg den Verlust von 26 Gefallenen beklagen. Mit dem Kriegsende im Jahr 1918 war die alte Ordnung endgültig vorbei: Kaiser Wilhelm II. dankte ab, und das Deutsche Reich wurde zur Republik. Die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche jener Zeit prägten auch das Leben in Ohlendorf, das sich – wie viele andere Gemeinden – in einer neuen Realität wiederfand.
Die erste außerordentliche Versammlung des Kriegervereins nach dem Krieg fand am 07.04.1919 statt. Es wurde ein neuer, jüngerer Vorstand gewählt. Schon auf der Herbstversammlung beschloss der Verein die Anschaffung einer Gedenktafel für die gefallenen Kameraden.
Während der Generalversammlung am 3. Januar 1922 schlug der junge Vorstand vor, den Kriegerverein in einen Schützenverein umzubenennen. Doch dieser Vorschlag stieß auf energischen Widerstand der älteren Kameraden, die an der bisherigen Tradition festhalten wollten. Infolge dieser Auseinandersetzung trat der gesamte junge Vorstand zurück, und die ältere Generation übernahm erneut die Führung des Vereins.
Diese Zeit war von der schweren Inflation geprägt, die ganz Deutschland erfasste und auch in Ohlendorf die wirtschaftliche Not verstärkte. Entscheidungen wurden zunehmend schwieriger, und geplante Veranstaltungen wie ein Wintervergnügen wurden aufgrund der angespannten finanziellen Lage abgelehnt.
Selbst über die Vereinsleistungen bei Beerdigungen gab es lange Diskussionen. Schließlich einigte man sich darauf, dass der Verein für verstorbene Mitglieder einen freien Leichenwagen zum Friedhof nach Pattensen, eine Musikkapelle sowie einen Kranz bereitstellte.
Erst 1925 konnte die Einweihung des Kriegerdenkmals zusammen mit dem 25-jährigen Stiftungsfest gefeiert werden. Mitten im Dorf wurde ein Zelt aufgebaut, Verkaufs- und Spielbuden und eine Luftschaukel vervollständigten den Festplatz.
Am 30. Januar 1933 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland. Adolf Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt, und damit begann eine Zeit tiefgreifender politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen. Die nationalsozialistische Diktatur führte zur Gleichschaltung von Vereinen und Institutionen, zur Unterdrückung politischer Gegner und schließlich zum Zweiten Weltkrieg, der das Land und die Welt in eine beispiellose Katastrophe stürzte.
Dem Protokoll vom 20.04.1933 ist zu entnehmen: "Im Anschluß an die Einweihung der heute gepflanzten Eiche zum Geburtstag unseres Reichskanzlers Adolf Hitler fand eine gut besuchte Versammlung statt." Die Eiche wurde auf dem Schulgelände an der Straße nach Stelle gepflanzt.
Schon bald nach der Machtergreifung begannen die Nazis mit der Gleichschaltung aller Lebensbereiche. Vereine und Verbände wurden nach dem Führerprinzip organisiert, d.h. Vorstände wurden abgeschafft und durch einen Vereinsführer ersetzt. Dies geschah auch im Kriegerverein. Der erste Vorsitzende wurde zum Vereinsführer ernannt, die bisherigen Vorstände zu seinen Helfern. Alle Mitglieder des Ohlendorfer Kriegervereins wurden geschlossen der SA-Reserve II angegliedert.
1939 baute der Kriegerverein einen Kleinkaliberstand. Dieser konnte am 30. Juli eingeweiht werden. Am 01. September begann der 2. Weltkrieg mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen. 15 Mitglieder des Kriegervereins wurden sofort eingezogen. Der Verein stellte Geld für Päckchen an die Front zur Verfügung.
Der letzte Kameradschaftsappell fand am 04.01.1941 statt.
Einige Kameraden waren zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen oder verwundet. Das gesamte Vereinleben kam zum Erliegen. Die Not wurde auch in der Heimat größer. Der Krieg stellte für die Ohlendorfer Bevölkerung eine direkte Bedrohung dar. Die Bombenangriffe, besonders durch die Bombardierung von Hamburg im Jahre 1943, wirkten sich auch auf die Zivilbevölkerung in Ohlendorf aus. So geriet der Ort immer wieder ins Visier allierter Bomber. Insgesamt brannten in Ohlendorf fünf Gebäude nieder.
Ende 1944 kamen die ersten Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten nach Ohlendorf. Auch im Schießstand wurden Flüchtlinge untergebracht.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Kriegerverein aufgelöst.
Quelle:
Vick, Karl-Werner - Chronik 100 Jahre Schützenkameradschaft Ohlendorf
Dohrmann, Wilhelm - Chronik des Kriegervereins Ohlendorf
Entdecke mehr
geschichtliches über Ohlendorf






























