top of page

Die Landwirtschaft

Bilder:

Sammlung Karl-Werner Vick

HEIDEBAUERNWIRTSCHAFT

Die Ohlendorfer Bevölkerung lebte über Jahrhunderte von der Landwirtschaft. Die sogenannte Heidebauernwirtschaft – bestehend aus Rinder-, Schweine- und Schafzucht, Imkerei und Roggenanbau – prägte das wirtschaftliche Leben. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts wurde diese traditionelle Bewirtschaftungsweise zunehmend unrentabel. Zwar ermöglichte sie die Nutzung der nährstoffarmen Böden, doch gleichzeitig führte sie zur starken Ausbeutung der ohnehin kargen Heideflächen.

Die Grundlage der Heidebauernwirtschaft war die Haltung von Heidschnucken, einer genügsamen Schafrasse, die auf den kargen Heideflächen weidete. Der Mensch nutzte nicht nur ihr Fleisch und ihre Wolle, sondern auch ihren Dung zur Bodenverbesserung.

Ein zentrales Merkmal dieser Bewirtschaftungsform war das sogenannte Plaggen. Dabei wurde in mühsamer Handarbeit die etwa vier Zentimeter dicke, von Wurzeln durchsetzte Oberbodenschicht abgetragen. Diese Plaggen wurden mit dem Dung der Heidschnucken und Rinder kompostiert und zur Düngung der kleinen Äcker in Hofnähe verwendet. Dadurch war es möglich, mehrere Jahre hintereinander Roggen anzubauen.

Sank der Ertrag, wechselte man zur Fruchtfolge: Zunächst wurde Sandhafer angebaut, danach Buchweizen. War der Boden erschöpft, ließ man das Feld brach liegen und nutzte es als Weidefläche. Nach einigen Jahren begann der Kreislauf von vorn, indem man mit der Plaggendüngung einen neuen zehnjährigen Bewirtschaftungszyklus einleitete. 

PACHT VON MARSCHWIESEN

Um unabhängiger von den vergleichsweise kargen Böden in der Gemarkung Ohlendorf zu sein, hatten die Bauern traditionell Weideflächen in der Steller Marsch gepachtet. Diese zusätzlichen Flächen dienten der Futterversorgung ihres Viehbestands und ermöglichten eine stabilere landwirtschaftliche Produktion. 

HÖFEORDNUNG

Die Bauernhöfe wurden nach ihrer Größe und Bedeutung in verschiedene Klassen eingeteilt: Vollhöfner, Halbhöfner, Kötner und Brinksitzer. Die Voll- und Halbhöfner waren meist alteingesessene Familien, deren Vorfahren seit Jahrhunderten im Ort lebten und große Anteile an der Flur besaßen. Die Halbhöfe entstanden oft als Neugründungen durch zweite oder dritte Bauernsöhne.

Nach der königlich-hannoverschen Höfeordnung erbte in der Regel der älteste Sohn den gesamten Hof. Er war jedoch verpflichtet, seine Geschwister auszuzahlen. Dieses Erbrecht sollte verhindern, dass landwirtschaftliche Betriebe durch Aufteilung unwirtschaftlich klein wurden. Vollhöfner und Halbhöfner betrieben ausschließlich Landwirtschaft und bildeten die wirtschaftliche Grundlage des Dorfes.

Im 18. Jahrhundert öffnete sich die Dorfgemeinschaft für Handwerker, da ihre Ansiedlung als vorteilhaft galt. Diese erhielten vier Morgen Land aus der Gemeinheit und errichteten ihre Häuser am Dorfrand, dem sogenannten „Brink“. Daher stammt die Bezeichnung „Brinksitzer“. Sie arbeiteten als Tischler, Schmiede, Stellmacher oder in ähnlichen Berufen und betrieben zusätzlich eine kleine Landwirtschaft zur Eigenversorgung.

Halbhöfner und Brinksitzer erhielten kein Ackerland aus der bestehenden Flur. Stattdessen mussten sie es durch Urbarmachung aus der Gemeinheit gewinnen. Dafür benötigten sie die Erlaubnis des Grundherren und waren ihm gegenüber abgabepflichtig – der sogenannte „Rottzehnte“ war eine Abgabe für das neu urbar gemachte Land. Generell konnte ohne die Erlaubnis des Grundherren keine Hofübertragung, Altenteilsverschreibung sowie Einheirat durchgeführt werden. 

Bis zur Aufteilung der Flächen wurde die Bewirtschaftung gemeinschaftlich organisiert. Das bedeutete, dass jeder Dorfbewohner seinen Beitrag zum Gemeinwohl leisten musste. 

HANNOVERSCHE AGRARREFORMEN

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts führten daher Agrarreformen zu einer Neuordnung der Landwirtschaft. Die gemeinschaftlich genutzten Flächen wurden aufgeteilt und in Privatbesitz überführt, um eine effizientere Bewirtschaftung und eine höhere Produktivität zu ermöglichen.

 ​

Durch die Ablösungsordnung von 1831 erhielten die Bauern die Möglichkeit, ihre Abgaben an den Grundherren – darunter Dienste, Zinsen und den Zehnten – gegen eine einmalige Zahlung abzulösen. Dadurch wurden sie endgültig Eigentümer ihres Grundbesitzes.

Diese Regelung bildete die Grundlage für die Generalteilung der Feldmark, die bis Ende 1839 mit dem Rezess abgeschlossen wurde. Allerdings mussten zuvor einige Grenzstreitigkeiten zwischen Ohlendorf, Horst, Ramelsloh und dem Hof Freschenhausen geklärt werden. 

Mit Ausnahme der Schweineweide wurden alle Gemeinflächen aufgeteilt. Zudem wurde beschlossen, die Abgabe des Haupt- und Rottzehnten abzulösen. Dafür wurde eine einmalige Zahlung in Höhe des 25-fachen Jahresbetrags fällig. Zur Finanzierung dieser Summe verkauften die Bauern Holz, was zur Rodung mehrerer dorfnaher Waldflächen in der „Ohe“ und im „Suderholze“ führte. Ab diesem Zeitpunkt waren die Ohlendorfer Bauern dann "frei" und konnten über ihren Privatbesitz entscheiden. Es bedurfte ab diesem Zeitpunkt keiner Zustimmung mehr durch den Grundherrn für Hofübertragungen oder ähnliches. 

Durch die Generalteilung der Feldmark wurden die Hirten überflüssig. Bis dahin gab es in Ohlendorf zwei Kuhhirten, einen Schweinehirten und einen Schafhirten, die das Vieh auf verschiedenen Routen durch die Gemarkung führten. Mit der Aufteilung der Gemeinflächen und der Umstellung auf private Landwirtschaft entfiel die gemeinschaftliche Weidehaltung, wodurch die traditionelle Hirtenarbeit nicht mehr benötigt wurde.

​​

Die Aufteilung der Schweineweide erfolgte im Jahr 1877. Die damit verbundenen Kosten wurden bis 1884 an den Fiskus abgeführt. Hiermit war die zweite Verkopplung abgeschlossen, und seitdem befinden sich alle Flurgrundstücke in der Gemarkung Ohlendorf in Privatbesitz.

ARBEITS- UND ENTBEHRUNGREICH

Das Landleben in der Mitte des 19. Jahrhunderts war von harter körperlicher Arbeit, Versorgungsängsten der ärmeren Bevölkerungsschichten und wenig Freizeit geprägt. Die Aufteilung der Gemeinflächen brachte zwar Erleichterungen in der Wirtschaftsführung der Höfe, da nun eine effizientere und rationellere Landwirtschaft möglich war, doch die Sorgen der Bauern blieben bestehen. Sie mussten nicht nur für den Erhalt ihres Betriebs, sondern auch für das Wohlergehen ihrer Familien sorgen.

Die Bewirtschaftung der Höfe war arbeitsintensiv, weshalb die Bauern auf Bevölkerungsgruppen angewiesen waren, die in der sozialen Hierarchie deutlich niedriger standen, aber zahlenmäßig die größte Gruppe bildeten. Dazu gehörten das Gesinde, Tagelöhner und Häuslinge, die sich vor allem durch ihren Besitzstand und ihr Arbeitsverhältnis unterschieden. Während das Gesinde meist fest in einen Haushalt eingebunden war, lebten Tagelöhner und Häuslinge oft in bescheidenen eigenen Unterkünften und verdienten ihren Lebensunterhalt durch Gelegenheitsarbeit auf den Höfen.

Zum Gesinde gehörten Knechte und Mägde, die für einen längeren Zeitraum – in der Regel ein Jahr – auf einem fremden Hof arbeiteten und dort auch wohnten. Sie waren dem Bauern unterstellt und hatten rechtlich den Status unmündiger Kinder. Als Gegenleistung erhielten sie neben einem Jahreslohn freie Kost und Logis sowie Kleidung.

Ein Tagelöhner hingegen war persönlich frei und besaß meist ein kleines Stück eigenes Land. Er arbeitete ausschließlich gegen Barlohn auf verschiedenen Höfen, ohne fest an einen Bauern gebunden zu sein.

Der Häusling nahm eine Zwischenstellung ein: Ihm wurde von einem Bauern ein Stück Land zur Nutzung überlassen, wofür er im Gegenzug unentgeltlich Arbeitsdienste leisten musste. Häuslinge wohnten entweder direkt im Bauernhaus oder in einem eigenen kleinen Häuslingshaus auf dem Hof.

Männer und Frauen wurden gleichermaßen für die anfallenden Arbeiten auf dem Hof eingesetzt. Auch Kinder mussten von klein auf mithelfen, beispielsweise beim Hüten des Viehs. Dennoch fanden sie immer wieder Gelegenheiten, sich mit selbst hergestelltem Spielzeug abzulenken und zu beschäftigen.

Es war damals üblich, dass Bauern ihre 16-jährigen Söhne als Kleinknechte auf einen fremden Hof schickten. Dort sollten sie praktische Erfahrung sammeln, Disziplin lernen und sich auf ihre spätere Rolle als Hofnachfolger vorbereiten.

LEBEN IN HAUS UND HOF

Die Wohnverhältnisse im frühen 19. Jahrhundert waren mit denen der heutigen Zeit nicht zu vergleichen. Weit verbreitet waren strohgedeckte Ständerhäuser, in denen Mensch und Tier unter einem Dach lebten. Durch das große Eingangstor, das sogenannte „Missendör“, betrat man die Diele, den zentralen Bereich des Hauses. Zu beiden Seiten standen Kühe, Schweine, Schafe und Pferde in ihren Ställen. Der Boden bestand aus gestampftem Lehm, und in der Mitte der Diele wurde das Grünfutter für das Vieh gelagert.

Da der Wohnbereich direkt an den Stall anschloss, brachte das erhebliche hygienische Probleme mit sich. Der Dreck von den Weiden, Insekten und der Stallgeruch wurden zur ständigen Plage. Komfort gab es kaum – Toiletten oder Bäder existierten nicht im Haus.

Zwischen Wohn- und Stallbereich befand sich der offene Herd auf dem sogenannten „Flett“. Dieser Herd hatte keinen Schornstein, sodass sich der Rauch im Haus verteilte und durch kleine Ritzen und Öffnungen im Dach abzog. Während der Rauch dazu beitrug, die Ernte im Dachraum zu konservieren, war er für die Bewohner eine erhebliche gesundheitliche Belastung. Lungen- und Bronchialerkrankungen waren deshalb weit verbreitet. Die Beleuchtung stellte man durch Petroleumlampen sicher. 

KLINKERHÄUSER LÖSEN FACHWERKBAU AB

Ab 1850 begann der Bau von Häusern aus Stein, da die traditionellen Strohdächer eine zu große Brandgefahr darstellten. Mit diesem Wandel veränderte sich auch die Grundrissaufteilung erheblich: Wohn- und Wirtschaftsteil wurden nun klar voneinander getrennt.

Die Küche war nicht mehr offen, sondern ein geschlossener Raum mit eigenem Rauchabzug und Schornstein. Direkt daneben befand sich eine Speisekammer mit Vorratskeller. In der Küche und der „guten Stube“, die nur an Sonn- und Feiertagen genutzt wurde, ersetzte ein robuster Steinfußboden den bisherigen gestampften Lehmboden. Zudem wurden größere Fenster eingebaut, die für mehr Licht und bessere Belüftung sorgten.

Neben der „guten Stube“ gab es die „kleine Stube“, die für den Alltag bestimmt war. Hier verrichteten die Frauen des Hauses die Hausarbeiten, darunter das Milchausseihen, Gänserupfen, Buttern sowie Spinn- und Näharbeiten.

Die Schlafräume waren kleine Kammern, in denen oft mehrere Familienmitglieder zusammenlagen. Das Gesinde hatte weniger komfortable Schlafplätze: Ihre Gesindebetten befanden sich häufig in der Diele, nahe beim Vieh.

Dieser Zustand änderte sich wenig bis in die 1950er Jahre. Bis 1900 wurden die neuen Ohlendorfer Häuser noch mit Butzen als Schlafräumen ausgerüstet, große, komfortable Schlafzimmer mit Doppelbetten für Eheleute gab es erst seit etwa 1920. 

Seit den 1870er Jahren gab es technische Fortschritte in der Landwirtschaft. Spitzdrescher, Staubmühlen und Häckselchneider erleichterten die Arbeit, zunächst noch im Handbetrieb. Bis 1920 wurden alle Maschinen durch Pferdezug betrieben. Diese Situation hielt noch bis kurz nach dem 2. Weltkrieg an, doch dann setzte die  Verdrängung des Arbeitspferdes  durch Trecker und andere Landmaschinen ein.  Pferde werden in Ohlendorf in der Gegenwart noch als Sportpferde gehalten. ​​​

Quelle:

Dederke, Peter 2005           -     Die Geschichte eines Dorfes am Rande der                                                                                              Geest - Pattensen

Richers, Wilhelm 1936        -     Ohlendorf - Die Geschichte eines Dorfes - (Artikel Winsener                                                                Nachrichten)

Richers, Wilhelm 1977        -     Die Chronik der Dörfer Ohlendorf und Holtorfsloh

Entdecke mehr

geschichtliches über Ohlendorf

bottom of page