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Die Schützenkameradschaft

Bilder:

SK-Ohlendorf

Sammlung Karl-Werner Vick

Schützenvereine spielten in den ländlich geprägten Gemeinden des Landkreises Harburg lange Zeit eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen Leben. Sie boten nicht nur sportliche Wettkämpfe im Schießen, sondern waren vor allem wichtige Treffpunkte, an denen Kultur, Geselligkeit und Gemeinschaft gepflegt wurden. Das jährliche Schützenfest bildete dabei einen Höhepunkt des Dorflebens, an dem Tradition und Miteinander im Mittelpunkt standen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele Vereinsstrukturen erst wieder aufgebaut oder an neue Bedingungen angepasst werden. Viele Vereine setzten bewusst auf junge Mitglieder, um ihre Traditionen langfristig zu erhalten und öffneten ihre Veranstaltungen für ein breiteres Publikum.

 

Gleichzeitig spiegelten die Veränderungen in den Schützenvereinen auch die Entwicklungen der jungen Bundesrepublik wider – etwa die zunehmende Beteiligung von Frauen oder die Modernisierung alter Rituale.

DIE GRÜNDUNG DER SK OHLENDORF (1950–1951)

Am 8. Juli 1950 – fünf Jahre nach Kriegsende – wurde der Schützenverein Ohlendorf gegründet. Ziel war es, den Schießsport zu fördern und an frühere Heimatfeste anzuknüpfen.

 

Die Lebensbedingungen der ersten Nachkriegsjahre waren noch schwer gewesen, doch nach der Währungsreform 1948 besserte sich die wirtschaftliche Lage. Zudem erlaubte die britische Militärregierung wieder das Schießen mit Luftgewehren. Bereits im Herbst 1950 beschloss der Vorstand, das erste Vereins-Luftgewehr anzuschaffen.

Im Sommer 1951 fand das erste Schützenfest statt. Ernst Kröger wurde beim Königsschießen mit dem neuen Luftgewehr zum ersten Schützenkönig proklamiert und erhielt den Beinamen „Ernst der Erste“. Seitdem wird jedes Jahr ein neuer König ausgeschossen, der den Verein für ein Jahr repräsentiert.

AUFBAUJAHRE UND ERSTE ERWEITERUNGEN (1952–1961)

In den folgenden Jahren wurde ein Kleinkaliberstand errichtet und die ersten Kleinkalibergewehre angeschafft. Außerdem wünschten sich die Mitglieder eine einheitliche Kleidung: Zunächst wurden Hüte, später auch Schützenjoppen angeschafft. Ab 1953 wurde das Königsschießen mit dem Kleinkalibergewehr durchgeführt – geschossen wurde auf einen hölzernen Schützenvogel.

1956 entstand die Jungschützenabteilung. 1957 erfolgte die Eintragung des Vereins unter dem Namen „Schützenkameradschaft Ohlendorf e.V. (gegründet als Kriegerverein) 1900“ ins Vereinsregister.

1958 wurde beim Schützenfest erstmals ein großer Zapfenstreich mit Kranzniederlegung zum Gedenken an die Toten beider Weltkriege durchgeführt.

Die Königsschießen der 1950er und 60er Jahre liefen oft wenig geordnet ab. So war der Vogel 1959 so stabil gebaut, dass er erst in der Dämmerung fiel – und das nur durch Schüsse aus einem Jagdgewehr. Mehrfach schossen Schützen auf den Vogel, die laut Satzung gar nicht hätten antreten dürfen. Daher wurde gelegentlich derjenige zum König ernannt, der den goldenen Flügel statt des Rumpfes getroffen hatte.

1960 wurde das Schützenfest erstmals im Juni gefeiert. Dieses Jahr war zugleich das 60-jährige Gründungsjubiläum und das 50-jährige Jubiläum der Fahnenweihe. Zehn Gastvereine nahmen am Festumzug teil.

1961 brachte einige Neuerungen: Beim Kommers gab es erstmals einen Imbiss. Am Samstag fand ein Schützenfrühstück statt, bei dem ein Standgericht Vereinsverstöße ahndete – etwa den Verkauf von Uniformteilen an Nichtmitglieder oder Betrunkenheit im Dienst. Am Nachmittag folgte das Kinderschützenfest. Eine außergewöhnliche Szene ereignete sich nach dem Königsschießen: Die Marschformation zog im Gänsemarsch durch den Kuhstall des neuen Königs Hermann Menke, um seiner Frau Frieda, die gerade beim Melken war, die Nachricht zu überbringen.

STRUKTURWANDEL UND AUSBAU (1962–1980)

1962 wurde festgelegt, dass nur Schützen König werden können, die laut Satzung dazu berechtigt sind. Im selben Jahr legte Wilhelm Dohrmann, der langjährige Chronist, sein Amt nieder. Seine Aufzeichnungen bilden bis heute eine wichtige Grundlage für die Vereinsgeschichte.

Zwischen 1962 und 1966 wurde der Schießstand am Standort „Am Schießplatz“ umfassend umgebaut und versetzt. Zur Finanzierung wurde eine Sonderumlage erhoben. Auch der zunächst abgelehnte Toilettenbau wurde bis April 1966 abgeschlossen.

1967 erhielt der Verein eine neue Fahne. Alfred Falke wurde Fahnenträger, unterstützt von Norbert Walter und Heinz Bellmann.

Ab 1970 wurde über einen größeren Schießstand diskutiert. Da ein Neubau zu teuer war, entschied man sich schließlich, das bestehende Gebäude durch einen Massivbau zu ersetzen. 1970 konnte die Modernisierung abgeschlossen werden. Im selben Jahr beschloss man zudem, beim Königsschießen künftig Querschüsse aus anderen Ständen zu verhindern – notfalls durch Abbruch des Preisschießens.

Das Schützenhaus entwickelte sich in den 1970er Jahren zu einem beliebten Ort für private Feiern. 1974 beschloss der Vorstand daher, solche Veranstaltungen nur noch mit seiner Zustimmung zu erlauben. Neue Mitglieder konnten nun mit einer 2/3-Mehrheit des Vorstands aufgenommen werden.

1975 feierte der Verein sein 75-jähriges Jubiläum mit 13 Gastvereinen. Während des Festakts fiel durch einen Autounfall der Lichtmast vor dem Vereinslokal aus – Licht gab es erst wieder dank Kerzen und des Notstromaggregats der Feuerwehr.

Ende der 1970er Jahre wurde immer wieder über einen gemeinsamen Neubau mit dem Ramelsloher Schützenverein gesprochen. 1977 reagierte der Vorstand auf die geringe Beteiligung am Königsschießen und erleichterte die Belastungen des Königs, etwa durch Wegfall der Essenskosten beim Königsball.

Die Mitgliederzahlen stiegen in den 1970er Jahren deutlich an, was den Druck zu baulichen Entscheidungen erhöhte.

DER GROSSE NEUBAU: DAS MODERNE SCHÜTZENHAUS (1981-1984)

Ab 1981 wurden konkrete Pläne für eine neue Schießsportanlage entwickelt. 1982 wählte der Verein einen Planungs- und Finanzausschuss. Der Neubau sollte am Ende der Straße „Zum Suhrfeld“ entstehen, mit zehn Kleinkaliber- und zehn Luftgewehrständen sowie einem 690 qm großen Gemeinschaftsraum. Die Kosten beliefen sich auf 600.000 DM, wovon die Gemeinde Seevetal die Hälfte übernahm. Jedes Mitglied musste 525 DM zahlen oder 35 Arbeitsstunden leisten.

1983 begannen die Bauarbeiten. Zudem brachten einige Damen den Wunsch ein, im Verein schießsportlich aktiv zu werden. Am 27. Oktober wurde der Grundstein gelegt, am 10. Dezember Richtfest gefeiert. 1984 wurde die Damengruppe offiziell aufgenommen. Am 25. Mai 1984 konnte das neue „Schützenhaus Ohlendorf“ eingeweiht werden.

WACHSTUM UND NEUE ANGEBOTE (1985–2000)

Das neue Schützenhaus fand breite Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Mitgliederzahlen stiegen weiter.

1992 wurde erstmals über einen Anbau gesprochen. Im selben Jahr fand ein Dorftreff unter alten Eichen statt – mit Luftgewehrschießen, Kinderflohmarkt und Spielen.

Seit 1993 gibt es das Schweineschießen, einen Kleinkaliber-Wettkampf mit Fleischpreisen, der mit einem Schlachtfest endet. Die historischen Fahnen von 1910 und 1967 wurden restauriert.

Die Jungschützen feierten große Erfolge: 1994 erhielten sie die Jugendstandarte des Schützenverbandes Nordheide/Elbmarsch. 1996 wurde Jan Krüger Landeskönig. 1998 nahm erstmals ein Ohlendorfer Jungschütze am „Shooty Cup“ in München teil, und eine Laserschießanlage wurde angeschafft. 1999 stellte die SK Ohlendorf das Schülerteam des Hamburger Landesverbandes beim Shooty Cup.

Im Jahr 2000 fand das 100-jährige Jubiläum statt – mit 1.300 Teilnehmern, 54 Vereinen und 12 Musikzügen. Das Schützenfest wurde erstmals im Mai gefeiert. „Vater“ Reinhard und „Sohn“ Henning Zieboll regierten gemeinsam als Könige. Außerdem stiftete Helmut Lüllau den Stein vor dem Schützenhaus.

WEITERENTWICKLUNG IM NEUEN JAHRTAUSEND (2001-2019)

2002 trat ein neues Waffenrecht in Kraft. Pressewart Lothar Aldag und Fahnenträger Alfred Falke gaben ihre langjährigen Ämter ab.
2003 brachte viele Neuerungen: den ersten Neujahrsbrunch, das erste Firmen- und Vereinsschießen sowie ein erstmals öffentliches Schlachtfest.

2006 feierte die Jugendabteilung ihr 50-jähriges Bestehen und nahm erfolgreich an der Deutschen Meisterschaft teil. Heizungs- und Lüftungsanlage des Schützenhauses wurden erneuert.

2008 wurde die Bogengruppe gegründet, 2009 offiziell als Sparte aufgenommen. Die LG-Schützen stellten einen Landesrekord auf.

2010 übernahmen Eyck Morche und Lars Bathke den Vereinsvorsitz. Die Jugend nahm erneut an der Deutschen Meisterschaft teil. Der neue Bogensportplatz musste zunächst verlegt, 2011 aber fertiggestellt werden. 2012 wurde Jaqueline Köhler Landesjugendkönigin.

2013 erhielt der LG-Stand eine moderne elektronische Schießanlage. Das Gasthaus Sander stellte letztmals ein Festzelt – seither finden Feste im Schützenhaus oder Open Air statt.

2014 erzielte Katharina Detgen bei der Deutschen Meisterschaft in München einen hervorragenden 26. Platz. Michael Linder wurde mehrfach Landesmeister im Bogenschießen. Gemeinsam mit der Landeskirchlichen Gemeinschaft wurde ein Public Viewing zur Fußball-WM veranstaltet.

2016 trat Kommandeur Siegfried Behr nach 34 Jahren zurück und wurde Ehrenkommandeur. Auch der stellvertretende Jugendleiter Wolf von Buchholtz gab sein Amt ab. 2017 übernahm Stefan Schantini die Organisation des Ohlendorfer Schlachtfests.

2018 wurde Eckhard Heinsen Kreissportleiter. Ingo Meyer und Thorsten Kirschner stellten die Buchführung auf DATEV um. 2019 wurden zahlreiche erfolgreiche Jungschützen zur Sportlerehrung der Gemeinde eingeladen.

CORONA-JAHRE UND AKTUELLE ENTWICKLUNGEN (BIS 2025)

2020 und 2021 kam das Vereinsleben wegen der Corona-Pandemie weitgehend zum Erliegen; sportliche wie gesellige Veranstaltungen waren kaum möglich.

Erst im Frühjahr 2022 konnte der Schießbetrieb wieder aufgenommen werden – ebenso das Schützenfest. Der 2019 gekürte König Andreas Köhler amtierte dadurch drei Jahre und wurde zum am längsten amtierenden König. Neuer König wurde 2022 Martin Hofmann („der Erste“).

2023 stellten die Bogenschützen neue Landesrekorde auf. Beim 125-jährigen Jubiläum des Ramelsloher Schützenvereins wurde an die gemeinsame Ursprungsgeschichte erinnert. Dietrich Fiebig wurde in seiner Altersklasse Deutscher Meister im Para-Sport.

2024 feierte die Damengruppe ihr 40-jähriges Bestehen. Seit diesem Jahr schießen die Damen ihre Damenkönigin auf einen Holzvogel aus. Die Bogensparte richtete die Kreismeisterschaft aus.

2025 stand ganz im Zeichen des 125-jährigen Jubiläums der SK Ohlendorf. Über 40 Vereine und zwei Spielmannszüge nahmen am Festumzug teil – vom Hof des Gemüsebauern Behr bis zum Festplatz, wo die Abschlusskundgebung stattfand.

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Quelle:

Vick, Karl-Werner  2000                        - Chronik 100 Jahre SK Ohlendorf

Morche, Eyck  2025                               - Chronik 125 Jahre SK Ohlendorf

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